Wir glauben an die Menschen

Ein ganzes Einrichtungshaus bei laufendem Betrieb komplett auf den Kopf zu stellen, ist für das Projektteam und die Mitarbeiter eine riesige Herausforderung. Ein ganzes Einrichtungshaus bei laufendem Betrieb komplett auf den Kopf zu stellen, ist für das Projektteam und die Mitarbeiter eine riesige Herausforderung.

Als Studentin fand sie Ikea »lustig«. Dann entdeckte Giny Boer, dass man dort auch arbeiten kann und als Frau gefördert wird wie sonst kaum in einem Unternehmen. Seit 2009 leitete die gebürtige Holländerin Ikea Österreich und meisterte zuletzt den komplizierten Umbau der Flagship-Filiale Vösendorf. Nun macht sie den nächsten Schritt auf der Karriereleiter.

(+) Plus: Sie haben ursprünglich Pädagogik studiert. Warum haben Sie sich letztlich für eine Karriere in der Wirtschaft entschieden?

Giny Boer: Ich habe gleich nach dem Pädagogikstudium ein Wirtschaftsstudium angehängt, weil ich das Gefühl hatte, hier könnte ich mehr bewegen. Berufsbegleitend habe ich im Anschluss auch noch ein Post-Graduate-Studium für Purchasing Management absolviert.

(+) Plus: Was hat Sie an Ikea besonders angezogen?

Boer: Mir hat die Unkompliziertheit, die Offenheit, die Art von Ikea immer schon gut gefallen. Während meines Studiums bin ich mit meinen Freundinnen oft zu Ikea gefahren – das war immer lustig. Dann habe ich ein Inserat gesehen, in dem Ikea Management-Trainees suchte und dachte »Ah, da kann man auch arbeiten«. So habe ich mich beworben, und 1995 bei Ikea Amsterdam begonnen. Was mich immer noch reizt: Ikea ist ein Unternehmen, das gute Mitarbeiter fördert – unabhängig vom Geschlecht oder der Herkunft oder der Nationalität. Du kannst alles machen, wenn du bereit bist, zu lernen. Meine eigene Karriere ist ein Beispiel dafür: Ich habe als Trainee im Einrichtungshaus begonnen und in den Niederlanden verschiedene Positionen durchlaufen. Nach der Karenz habe ich den nächsten Karriereschritt gemacht und die Verantwortung für Logis­tik und Transport in Großbritannien, den Niederlanden und Belgien übernommen. So etwas ist nur möglich, wenn du einen Manager hast, der dein Potenzial kennt, der dir das zutraut und dich ermutigt, den nächsten Schritt zu gehen. Diese nächsten Schritte habe ich dann wieder im Handel gemacht – als stellvertretende Retailmanagerin von Ikea Italia, später als Country Managerin in Österreich. Zeigen Sie mir ein anderes Unternehmen, in dem es möglich ist, diese Positionen mit einer Familie und zwei Teenagern zu verbinden.

(+) Plus: Sie sind 1998 wenige Monate nach der Geburt Ihrer Zwillinge wieder in den Job eingestiegen. In Österreich ist das auch heute noch immer sehr ungewöhnlich und schwierig. Ermutigen und fördern Sie Frauen, trotz Familie Führungsverantwortung zu übernehmen?

Boer: Ich habe selbst erfahren, wie es ist, wenn jemand an dich glaubt und dich unterstützt. Für mich ist es nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrung selbstverständlich, andere zu unterstützen und zu fördern – aktiv und ganz bewusst. Warum sollte ich als Top-Manager auf tolle Führungskräfte verzichten, nur weil sie Kinder bekommen haben? Wichtig ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich eine Top-Position und die Familie vereinbaren lassen. Das muss man immer individuell tun, denn jeder Manager und jede Managerin hat andere Bedürfnisse. Aber im Gespräch findet man dann einen Weg. Ein gutes Beispiel ist das Managementteam von Ikea Österreich: Ich habe ganz bewusst zwei meiner Führungskräfte, die als Teil des Managementteams Kinder bekommen haben und in Karenz gegangen sind, wieder in dieses Gremium zurückgeholt und zwar in Teilzeit. Denn beide haben Zwillinge, und beide wollten nicht Fulltime arbeiten. Aber ich wollte nicht auf ihre Kompetenz und Leadership-Skills verzichten. Wir haben eine globale Human-Ressource-Strategie, die wir schlicht »people strategy« nennen. In ihr sind die gro­ßen strategischen Ausrichtungen festgelegt, und der Kernsatz darin lautet: Wir glauben an die Menschen. Es ist für uns wichtig, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu kennen – daheim und in der Arbeit. Wir möchten, und auch das ist Teil dieser Strategie, den Anteil von Frauen in Führungspositionen weiter erhöhen. Wir sind schon ganz gut, aber immer noch nicht dort, wo wir hinwollen. Im Augenblick sind in Österreich fünf der zehn Executive-Management-Mitglieder Frauen, bei Ikea global sind es zwei von neun.

(+) Plus: Ist Teilzeitarbeit ein Karriere-Killer?

Boer: In meinen Augen auf gar keinen Fall. Grundsätzlich versuchen wir möglichst individuelle Lösungen zu finden – auch in Managementpositionen. Und wir probieren neue Wege aus. Neben den beiden Executive-Managerinnen in Teilzeit haben wir auch an der Spitze eines unserer Einrichtungshäuser ein Experiment gestartet, von dem ich überzeugt bin, dass es Schule machen wird: Bei IKEA Haid teilen sich zwei Managerinnen die Position des Einrichtungshauschefs. Beide sind jeweils nach dem zweiten Kind aus der Karenz zurück, beide arbeiten Teilzeit. Mit solchen Role Models können wir auch zeigen, dass Teilzeit kein Hindernis für eine Karriere ist.

(+) Plus: Welche Eigenschaften muss eine gute Führungskraft mitbringen?

Boer: Klar in den Anforderungen sein, inspirieren, motivieren, fördern, zuhören können, neue Wege finden, offen für Veränderungen sein und ein kreatives Arbeitsumfeld schaffen. Sie muss das Business weiterentwickeln und Erfolge erzielen, aber vor allem Menschen gut führen können und sie weiterentwickeln.

(+) Plus: Trotz des schwierigen Umfelds im Möbelhandel blieb der Umsatz von Ikea Österreich stabil. Ist das Modell Ikea krisenfest?

Boer: Wir sind auch nicht vor Krisen gefeit, aber wir arbeiten intensiv daran, unseren Kunden und potenziellen Kunden das zu bieten, was sie sich wünschen, wovon sie träumen. Damit sie sich bei uns wohlfühlen, investieren wir beständig – in unsere Produkte, in die Umwelt, in unsere Standorte und vor allem auch in unsere Mitarbeiter. Damit, so glauben wir, schaffen wir gute Voraussetzungen für sichere Jobs und eine gute Entwicklung.

(+) Plus: Könnte Österreich noch weitere Standorte vertragen?

Boer: Da hat sich an unseren Wünschen nichts geändert: Wir sehen ganz im Westen Österreichs Potenzial, sowie auch im Wiener Raum. Das ist aber Zukunftsmusik.

(+) Plus: Derzeit ist die Rundumerneuerung der Filiale in Vösendorf bei laufendem Betrieb voll in Gang. Läuft alles nach Plan?

Boer: Wir liegen gut im Plan. Die riesigen Brocken sind jetzt abgeschlossen. Am schwierigsten war der Abriss und Neubau des gesamten Eingangsbereiches, denn dort sind wir auf unerwartete Dinge gestoßen, die in keinem der alten Pläne der SCS eingezeichnet waren. Diesen Bereich konnten wir bereits vor Weihnachten eröffnen. Seit kurzem ist das neue Restaurant fertig – ganz vorne, direkt beim Eingang, mit einer coolen Cafébar und insgesamt rund 700 Sitzplätzen. Das war der zweite, riesige Bauteil. Parallel dazu ist die neue Küchenabteilung entstanden, die seit 1. April fertig ist. Teile der Markthalle, wie etwa die neue Geschirrabteilung, sind ebenfalls bereits komplett neu. Bis zum Sommer werden wir mit allem wie geplant fertig sein.

(+) Plus: Was sind die größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Boer: Ein ganzes Einrichtungshaus bei laufendem Betrieb komplett auf den Kopf zu stellen und umzudrehen, das ist für das Projektteam und die Mitarbeiter eine riesige Herausforderung. Schließlich setzen wir eine Vielzahl von Maßnahmen, damit unsere Kunden möglichst wenig beeinträchtigt werden. Aber ganz lässt sich das natürlich nicht vermeiden. Ich persönlich finde die Leistung des gesamten Team hier großartig!

(+) Plus: Der Umbau kostet rund 50 Millionen Euro, so viel wie sonst ein komplett neuer Standort. Wann amortisiert sich diese Investition?

Boer: Hoffentlich schnell!

(+) Plus: Auch im Sortiment gab es Umstellungen – das beliebte Expedit-Regal wurde ersetzt, die Faktum-Küchenserie bekommt neue Maße. Waren Sie von den heftigen Reaktionen in den sozialen Netzwerken überrascht?

Boer: Die Aufregung um »Expedit« haben wir, ganz ehrlich gesagt, nicht verstanden: Da kommt ein Regal, das die gleichen Innenmaße hat, bei dem alles Zubehör auch weiterhin passt, das aber besser ist. Bei den Küchen ist das eine ganz andere Sache: Die neuen »Metod«- Küchen werden am Markt hervorragend angenommen. Nach mehr als 20 Jahren war es höchste Zeit, das Küchensystem neu zu machen. Für Besitzer von »Faktum«-Küchen gibt es noch zwei Jahre Nachkaufgarantie, falls sie Teile ergänzen wollen. Dann geht diese lang gediente Serie ganz aus dem Markt. Mit »Metod« haben wir jetzt ein System, das auf die geänderten Lebens- und Wohnbedingungen perfekt eingeht, das modular und wunderbar flexibel ist – bei sensationellen Preisen und toller Qualität. Den Kunden gefällt es, und die Mitarbeiter und Monteure lieben es.

(+) Plus: Sie sind beruflich sehr viel auf Reisen. Was bedeutet Ihnen Wohnen, Ihr Zuhause?

Boer: Die Wochenenden gehören der Familie. Wir haben ein gemütliches Haus in Klosterneuburg, wo wir auch jetzt, bis meine Töchter die Schule abgeschlossen haben, wohnen bleiben. Wir versuchen, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Wir lieben gemeinsame Essen an unserem riesigen Esstisch, denn dann ist immer auch Zeit zum Reden. Und wenn ich nicht da bin, ist mein Partner da.

(+) Plus: Wie können wir uns Ihr Haus vorstellen – ein Ikea-Schauraum?

Boer: Meine Töchter, mein Mann und unser Hund wohnen in einem alten Bungalow mit Garten. Dort hat jeder sein Reich. Zentrum aber ist das riesige Wohnzimmer samt Esstisch. Dort herrschen bunte Farben vor. Es gibt viele Ikea-Stücke, wie meinen Lieblingssessel aus der Stockholm-Serie, unsere Couch, ebenfalls von Ikea, aber auch viele alte Stücke, etwa von den Großeltern, die wir immer mitgenommen haben.

(+) Plus: Niederlande, Italien, Öster­reich – wohin zieht es Sie als Nächstes?

Boer: Mit 1. Mai bin ich schon wieder »weitergezogen« und nun für die gesamte Region Süd- und Osteuropa verantwortlich. Das war zwar nicht geplant, ist aber trotzdem für mich okay. Mein Chef meinte, ich wäre die Richtige für die Position, und ich habe Ja gesagt – unter einer Bedingung: Nach Barcelona, meinen nächsten Standort, übersiedeln wir erst Mitte 2015. Bis dahin bleibt Österreich mein Lebensmittelpunkt, denn meine Töchter wollen und sollen hier die Schule beenden. 

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