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Ohne Aufklärung geht es nicht

"Die Strukturen und Prozesse werden angepasst, aber auf die Kultur wird oft vergessen." "Die Strukturen und Prozesse werden angepasst, aber auf die Kultur wird oft vergessen."

Viele Unternehmen erkennen erst im Zuge der Evaluierung der psychischen Belastungen, welche Chancen der Prozess für sie birgt, weiß die Psychologin und Beraterin Birgit Slotta-Bachmayr.

(+) Plus: Seit Jänner 2013 ist die Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz gesetzlich vorgeschrieben. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Birgit Slotta-Bachmayr: Ich bin sehr davon überzeugt, dass es für die Unternehmen von Vorteil ist, eine Stärken-Schwächen-Analyse zu bekommen, aus der sie Organisationsentwicklungsmaßnahmen ableiten können. Diese Maßnahmen sind viel weitreichender als nur die psychischen Belastungen betreffend. Man kann aufgrund dieser Analyse genau sagen, wo die Stärken und Schwächen liegen – in der Aufbau- und Ablauforganisation, in der Kultur, in der Ausbildung, bei den Führungskräfte, in den Schnittstellen, in der Kommunikation.

(+) Plus: Wird das von den Unternehmen auch so wahrgenommen?

Slotta-Bachmayr: Manche Unternehmen machen die Evaluierung nur, weil sie vorgeschrieben ist. Die meisten ändern aber ihre Überzeugung während des Prozesses und erkennen die Chancen dahinter. Die Angst der Unternehmen ist ja, dass enorme Ausgaben auf sie zukommen. Rund 80 % der Maßnahmen sind aber Kleinigkeiten, die nichts kosten, jedoch große Auswirkungen für die Organisation haben können. Da geht es oft um praktische, auf den Alltag bezogene Maßnahmen, etwa die Einführung von regelmäßigen Meetings, Verhaltensregeln, Führungsgrundsätzen etc.

(+) Plus: Anfangs gab es Kritik, dass Stressfaktoren nicht erhoben werden. Teilen Sie diesen Einwand?

Slotta-Bachmayr: Die Evaluierung psychischer Belastungen geht nicht auf das einzelne Individuum ein. Das wäre ein klassisches Thema für Mitarbeiterbefragungen. Eine Belastung wird in der Psychologie als neutrale Einwirkung von außen betrachtet. Zunächst sieht man sich an, welche Faktoren einwirken – Wärme, Lärm, Zusammenarbeit, Vorgesetzte, Kollegen usw. Dann überprüft man, ob das positiv, durchschnittlich oder negativ empfunden wird. Die Wahrnehmung ist oft sehr unterschiedlich. Eine abwechslungsreiche Tätigkeit ist beispielsweise eine enorme Ressource, die viele andere Bereiche kompensieren kann. Das Gesetz sieht ursachenbezogene, allgemein gültige Maßnahmen vor, Maßnahmen nicht für den einzelnen Mitarbeiter, sondern für den gesamten Bereich zu setzen. Stress ist ein ganz persönliches Empfinden, das wäre zu individuell.

(+) Plus: Wie reagieren die MitarbeiterInnen auf die Evaluierung?

Slotta-Bachmayr: Ohne Aufklärung geht es nicht, denn Vorbehalte sind natürlich da, sobald das Wort »psychisch« erwähnt wird. Dieser Begriff wird z.B. mit Depressionen oder Burnout assoziiert. Tatsächlich umfasst er aber alle emotionalen und kognitiven Prozesse unseres Gehirns – also Lernen, Konzentration, Aufmerksamkeit, Zuhören genauso wie Freude, Hass, Zufriedenheit, Motivation. Was außerdem wichtig ist: die Zusicherung von Vertraulichkeit und Anonymität. Das ist bei einer offenen Unternehmenskultur leichter als in Betrieben, wo sich die Mitarbeiter vor Konsequenzen fürchten. Wenn man diese Überzeugungsarbeit schafft, ist die Beteiligung sehr hoch. Besonders in den Workshops bekomme ich meist nur positive Rückmeldungen.

(+) Plus: Wirkt sich der Prozess auch auf die Unternehmenskultur aus?

Slotta-Bachmayr: Sobald man einen Impuls setzt, verändert sich etwas. Ich betreue derzeit ein Unternehmen, in dem ich mit dem Management ganz konkret an der Führungskultur weiterarbeite. In der Veränderung wurden zwar die Strukturen, die Prozesse, auch das IT-System angepasst, aber auf die Kultur vergessen. Das belastet und demotiviert. Ich sehe das oft bei Unternehmen, die stark im Wachstum stehen, neue Geschäftsfelder eröffnen, ein Management-buy-out oder einen Merger hinter sich haben. Es funktioniert nicht, wenn die Menschen nicht miteinander reden. Einer der häufigsten Vorwürfe ist: Wir bekommen zu wenig Feedback, und wenn wir es bekommen, ist es negativ. Da geht es um Wertschätzung. Zu jedem Projekt ein Abschlussmeeting zu machen, würde oft schon reichen: Was ist gut gelaufen, was wollen wir das nächste Mal vermeiden, was hat sich bewährt.

(+) Plus: Sind sich die Betriebe ihrer Verantwortung für die Mitarbeiter bewusst?

Slotta-Bachmayr: Ich erlebe in den Workshops alles. Es gibt Unternehmen, in denen sehr wenig für die Mitarbeiter getan wird. Dann bin ich manchmal in Betrieben, wo es selbstverständlich ist, dass es für alle gratis Kaffee oder Obst gibt und beim Empfang Blumen stehen. Dort spürt man schon, hier wird mit den Menschen anders umgegangen.

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Last modified onMontag, 17 August 2015 10:04
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