Zahle, wie du fährst

Zahle, wie du fährst Foto:Thinkstock

Versicherungstarife, die vorsichtige Fahrer belohnen, stecken in Österreich in der Warteschleife. Technische und rechtliche Details sind noch unklar. Ob sich fahrstilabhängige Prämiensysteme auf dem Markt bewähren? Die Experten sind skeptisch.

Ein Versicherungstarif, für den das individuelle Fahrverhalten technisch erfasst und in die Berechnung der Prämien einbezogen wird, könnte in Österreich bald Realität werden. In anderen Ländern sind Tarife nach dem Modus »Pay as you drive« längst etabliert. In Großbritannien gab es die ersten Telematik-Tarife Mitte der 1990er-Jahre. Das eCall-System, das bei einem Unfall automatisch einen Notruf sendet, ist hier bereits Standard, in der EU erst ab 2018 bei Neuwagen Pflicht. In Italien muss jeder Kfz-Versicherer mindestens einen Telematik-Tarif im Programm haben. Die Boxen messen allerdings nur die gefahrenen Kilometer, was sich vor allem für Wenigfahrer rechnet. In den USA entschieden sich etwa 10 % der Versicherten für dieses Modell. Einer Studie von Tower Watson zufolge sanken die Unfallzahlen der Nutzer um 40 %.

In Deutschland locken kleinere Autoversicherer seit kurzem mit bis zu 30 % Prämiennachlass bei umsichtiger Fahrweise. Marktführer HUK-Coburg sowie Allianz, die das Produkt schon in Italien vertreibt, werden ab 2016 entsprechende Angebote einführen. Mit insgesamt rund 18 Millionen Kunden decken die beiden Unternehmen ein Drittel des hart umkämpften Marktes für Kfz-Versicherungen. Andere Mitbewerber wollen nachziehen.

Sensible Daten

Deutsche Konsumentenschützer zeigen sich bezüglich des Datenschutzes skeptisch. Die im Auto installierte Box oder App übermittelt eine ganze Reihe sensibler Daten an die Versicherung. Fährt ein Nutzer zu riskant, könnte das Unternehmen den Vertrag kündigen, lautet die Kritik. Forschern der University of California gelang es zudem, den kleinen Bordcomputer zu hacken und das System des Autos zu manipulieren. Aus dem Bewegungsprofil eines vernetzten Autos lassen sich umfassende Informationen ablesen.

Walter Kupec, Generali: »Bestehende Angebote werden kaum nachgefragt.«

Für Diskussionen sorgt auch die Bewertung des Fahrverhaltens. Jede Versicherungsgesellschaft zieht dafür unterschiedliche Kriterien in Betracht. Allerdings können äußere Umstände das Fahrverhalten unverschuldet beeinflussen oder lassen recht differenzierte Interpretationen zu: In Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte passieren schon aufgrund des Verkehrsaufkommens häufiger Unfälle. Bremst man lieber einmal zu oft, vielleicht auch für ein Tier, das sich auf die Fahrbahn verirrt, gilt man als unsicherer Fahrer. Wer häufiger auf Autobahnen als im gefährlichen Ortsgebiet unterwegs ist, wird dafür bei manchen Anbietern belohnt. Das rasche Beschleunigen auf Autobahnauffahrten mindert aber wiederum den Punktewert. Vermeidet man Fahrten zu besonders unfallträchtigen Zeiten, etwa im Abendverkehr oder in den Nächten am Wochenende, winken teilweise bis zu 5 % Bonus.

Insgesamt sind im Schnitt 15 bis 20 % Ersparnis möglich. Allerdings ist die Anschaffung der Box oder App meist nicht gratis – die Kosten wiegen mitunter den Rabatt auf die Versicherungsprämie auf. Versicherungsportale empfehlen deshalb, zunächst einen Anbieterwechsel zu prüfen. Denn auch bei klassischen Kfz-Versicherungen ohne Telematik wären bei einem Umstieg zum günstigsten Anbieter bis zu 44 %
Ersparnis drin.

Abwarten und beobachten

Gegenwärtig würden nur 43 % der Deutschen einen Telematik-Tarif wählen. Ähnlich reserviert zeigen sich die ÖsterreicherInnen. Erich Leiß, Vorstandsdirektor der Wiener Städtische Versicherung, erkennt »derzeit keine Akzeptanz bei unseren Kundinnen und Kunden«: »Wir planen derzeit keinen Telematik-Tarif in der Kfz-Versicherung einzuführen, beobachten aber die technischen Entwicklungen – auch bei den Fahrzeugen – mit der notwendigen Aufmerksamkeit.« Mit den aktuellen Produktinnovationen wie Kaufpreisersatzdeckung und dem »Schutz und Hilfe«-Baustein sei man gut aufgestellt. Hinsichtlich Datenschutz und Schutz der Privatsphäre sieht Leiß noch »offene Themen in den rechtlichen Rahmenbedingungen«. Auch in technischer Sicht wäre das System noch nicht ausgereift: »Der Vorteil ergibt sich unseres Erachtens aber erst im Rahmen einer ›Gesamtlösung‹ mit den zukünftigen technischen Möglichkeiten der Fahrzeuge.«

Erich Leiss, Wiener Städtische: »Wir sehen derzeit keine Akzeptanz.«

Mit der Akquisition von MyDrive Solutions, einem jungen britischen Softwareunternehmen, das auf die Analyse von Kfz-Daten spezialisiert ist, hat Mitbewerber Generali die nötigen technischen Weichen gestellt. Ein »zukünftiger, dynamischer Kundenbedarf« wird erwartet – allein, in Österreich gehen die Uhren noch anders. »Der Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten genießt in Österreich einen besonderen Stellenwert, daher werden Telematik-Angebote aktuell nicht nachgefragt bzw. bestehende Angebote kaum angenommen«, bestätigt Walter Kupec, Vorstand Ressort Schaden/Unfall der Generali Versicherung AG. Den Markt und eine gegebenenfalls geänderte Nachfrage werde man jedenfalls im Auge behalten und »bei Bedarf entsprechend partizipieren«.

In den Startlöchern

Bereits einen Schritt weiter ist die Allianz-Gruppe. Sie bietet seit Ende 2014 ein Telematik-Konzept an – allerdings nur für Firmenkunden, »maßgeschneidert für KMU mit fünf bis 50 Fahrzeugen«, wie es seitens des Unternehmens heißt. Für die Technik zeichnet Kapsch verantwortlich. Sie ergänzt die Kfz-Versicherung um Funktionen für Hilfeleistungen im Notfall sowie Effizienzsteigerung. Beim »Fahr- und Spartarif« wird die Prämie anhand der Fahrleistung berechnet. Allianz stellt eine Kostenersparnis von bis zu 30 % der Kfz-Prämie in Aussicht. Für eine valide Quantifizierung, wie das Modell von den Kunden angenommen wird, sei es noch zu früh. Eine Telematik-Lösung für Privatkunden ist in Entwicklung.

In den Startlöchern steht die Uniqa Versicherung. Das 2007 eingeführte Produkt »SafeLine« wurde weiterentwickelt und soll Mitte 2016 flächendeckend auf den Markt kommen. Dieser Telematik-Tarif »light« war zunächst als Notfallsystem konzipiert. Eine im installierte Auto GPS-Box erkennt mittels Crash-Sensor einen stärkeren Aufprall als Unfall und leitet automatisch einen Notruf an die Einsatzkräfte weiter. Wer das Auto selten verwendet, erhält außerdem als Umweltbonus bis zu einem Viertel der Prämie zurück. Rund 50.000 Kunden entschieden sich für das SafeLine-Angebot, das entspricht 10 % des Gesamtkundenbestands der Uniqa.

Robert Wasner, Uniqa: »Wir wollen junge Lenker als Zielgruppe gewinnen.«

Das 2014 erweiterte System entspricht nun technisch dem neuesten Stand. »Vor allem beim Einbau der Box haben sich dadurch wesentliche Verbesserungen ergeben. Der neue Notfallknopf kommuniziert jetzt per Funk mit der Box. Außerdem wurde das Produkt um eine Notfall-App ergänzt, mit der man von überall punktgenaue Hilfe holen kann und zum Beispiel sehen kann, wo das Auto parkt«, erklärt Robert Wasner, Vorstand der Uniqa Österreich. Im ersten Halbjahr 2016 sollen nähere Details zum Produkt-Update präsentiert werden. Besonders bei der Zielgruppe der Fahranfänger rechnet Wasner mit guter Nachfrage: »Das wird der erste Tarif sein, bei dem junge Lenker die Möglichkeit haben, die Höhe der Prämie selbst zu beeinflussen.« Als Ausgleich zu den Prämienvorteile, die ältere Fahrer lukrieren, könnten Junge etwa bei Verzicht auf das Handy während der Fahrt belohnt werden.

Beim Thema Datenschutz sieht sich Uniqa-Vorstand Wasner durch die Zusammenarbeit mit dem Telematikspezialisten Dolphin Technologies auf der sicheren Seite: »Wir erhalten nur jene Daten, die wir zur Verrechnung der Prämie benötigen: lediglich die Anzahl der gefahrenen Kilometer nach Straßenart. In den Bedingungen zum SafeLine-Servicevertrag wird der Kunde genau darüber informiert, wie wir mit den Informationen umgehen.«
Dolphin Technologies analysierte Milliarden gefahrener Kilometern nach Risikofaktoren. Trotzdem bleiben Parameter, die nicht messbar sind, wie etwa Müdigkeit des Fahrers. Angedacht ist deshalb, dem Kunden Empfehlungen zu geben. Bei Glatteis könnte ein Gratis-Parkschein dazu animieren, das Auto lieber stehen zu lassen. Ist ein Lenker mehrere Stunden unterwegs, wird ein Kaffee-Gutschein für eine Pause in der nächsten Raststation angeboten. Die entsprechende Technik gibt es dafür bereits – sie müsste nur eingesetzt werden.

Fahrstil

Die Fahrweise entscheidet, wie hoch der Tarif ausfällt. Grundsätzlich gilt: Je flotter und riskanter gefahren wird, desto teurer wird die Versicherungsprämie. Der deutsche Kfz-Versicherer S-Direkt bewertet den Fahrstil beispielsweise nach fünf Merkmalen:

1.Bremsen: Wer hart bremst, fährt nicht vorausschauend und hat den Verkehr um sich nicht gut im Blick – z.B. vor Ampeln oder im Stop-and-go-Verkehr. Wird Ihnen die Vorfahrt genommen und ein abruptes Bremsen nötig, schlägt sich das unverschuldet auf die Fahrstatistik nieder.

2. Geschwindigkeit: Überhöhte Geschwindigkeit führt zu mehr Unfällen mit schwereren Folgen. Wird die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten, wirkt sich das positiv auf die Beurteilung der Fahrweise aus.

3. Nachfahrten: Bei Dunkelkeit ist die Sicht eingeschränkter als tagsüber, das Unfallrisiko steigt. Jede Fahrt zwischen 21 und 4 Uhr wird vom System als Nachtfahrt registriert.

4. Beschleunigung: Das Rasen von Ampel zu Ampel wird mit Punkteabzug bestraft. Denn wer häufig schnell beschleunigt, gilt als aggressiver Fahrer.

5. Leerlaufzeit: Um eine gute Bewertung zu erhalten, sollten Sie den Motor abschalten, während Sie an einem Bahnübergang oder im Stau warten.

 

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