Im Ausnahmezustand

Im Ausnahmezustand

2020 – ein Jahr zum Vergessen? Nicht nur. Dieses Schicksalsjahr hat uns in dramatischer Weise vor Augen geführt, wie fragil menschliches Leben ist, wie rasch die Wirtschaft zusammenbrechen kann und wie wichtig Zusammenhalt ist.

Auch wenn noch lange nicht alles ausgestanden ist: Die Pandemie lässt keineswegs nur Verlierer zurück. Die Wissenschaft, oftmals als Spielfeld für Eigenbrötler abgetan und sprichwörtlich in den Elfenbeinturm verbannt, bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht. Innerhalb kürzester Zeit gelang ForscherInnen rund um den Erdball die Entwicklung wirksamer Impfstoffe, nicht zuletzt weil viele Institute ihre Ergebnisse im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit auf einer Plattform offen zugänglich machten.

Dieser multilaterale Ansatz ermöglichte in wenigen Monaten, was sonst mehrere Jahre oder Jahrzehnte benötigt. Gegen HIV, Malaria oder Dengue gibt es bekanntlich bis heute keinen sicheren Schutz. Zumindest bis zum Feilschen um verfügbare Impfdosen wurde der nationale Egoismus vorübergehend hintan gestellt.

Was bleibt

Das Ende der Pandemie ist noch nicht abzusehen, dennoch wird bereits eifrig spekuliert, welche dauerhaften Spuren sie hinterlassen wird. Im Arbeitsleben sind die Auswirkungen bereits jetzt unübersehbar. 78 % der ArbeitnehmerInnen haben laut einer Deloitte-Studie, für die europaweit mehr als 10.000 Beschäftigte befragt wurden, in den letzten Monaten massive Veränderungen im Job erlebt. Homeoffice, virtuelle Meetings, andere Formen der Zusammenarbeit, neue Tools – nicht alles hat sich bewährt, vieles ist bereits etabliert.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben nicht nur gelernt, remote und flexibel zu arbeiten – sie agieren auch viel autonomer. 38 % arbeiten nach eigenen Angaben nun eigenständiger als vor der Krise. 34 % erwarten, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird. Das Vertrauen von Führungskräften und KollegInnen war und ist in dieser veränderten Situation ein zentraler Anker. Persönliche Faktoren werden während der Pandemie als wesentlich bedeutender erlebt als technologische Hilfsmittel.

Interessanter Nebenaspekt: Österreichische ArbeitnehmerInnen vermissen das soziale Leben im Betrieb deutlich mehr als Deutsche und Schweizer. Einer Befragung der Plattform Xing zufolge hätte rund ein Drittel gerne mehr Zeit mit den KollegInnen. Noch stärker ausgeprägt ist der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung (55 %), je ein Fünftel träumt von einer besseren Ausstattung im Homeoffice sowie einem neuen Job.

Was kommt

Ein Wunschkonzert wird es 2021 definitiv nicht geben. Den tiefen Konjunktureinbruch im Frühjahr konnte Österreichs Wirtschaft noch relativ gut wegstecken. Die zweite Infektionswelle im vierten Quartal machte die wirtschaftliche Erholung der Sommermonate zunichte, fiel aber mit einem BIP-Minus von 13 % nur halb so stark aus.

Angesichts der gesundheitspolitischen Maßnahmen, verknüpft mit einer breiten Verfügbarkeit von Impfstoffen, erwartet die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) spätestens in der zweiten Jahreshälfte einen kräftigen wirtschaftlichen Aufholprozess, auch die Exporte sollten wieder anziehen. Nach dem Rückgang von 7,1 % im Jahr 2020 könnte das reale BIP Mitte 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

Bild oben: Doris Ritzberger-Grünwald, OeNB: »Zuversichtlich, dass wir uns relativ schnell wieder nach oben bewegen.«

 

Wachstumsraten von 3,6 bis 4 % scheinen möglich – freilich basierend auf der Annahme, dassder derzeitige Lockdown nicht über den Februar hinaus verlängert wird. Vorerst sind wirtschaftliche Aktivitäten aber noch erheblich belastet, zumal sich die Virusmutation schneller ausbreitet, als die Bevölkerung durch die Impfung geschützt werden kann. Vor allem im Tourismus muss mit hohen Verlusten gerechnet werden, viele Hoteliers haken auch die laufende Wintersaison bereits ab.

Tatsächlich bewältigte Österreich die Krise im OECD-Vergleich bisher schlechter als der Schnitt der Euroländer. Die Arbeitslosigkeit stieg stärker und bei der Neuverschuldung zählt Österreich zu jenen Staaten mit deutlichem Minus. Besonders eklatant ist der Unterschied zu Deutschland und der Schweiz, wo die Wirtschaft in deutlich
geringerem Ausmaß (4 bzw. 5 %) schrumpfte.

Ein Grund ist der Totalausfall im Tourismus, der in Österreich den größten Teil zur Wertschöpfung liefert. Eine weitere Erklärung wären die längeren Lockdowns – ein Faktor, der sich bald relativieren könnte: Deutschland erwägt drastische Sperren bis Ostern, auch Österreich könnte nachziehen.

Durch die massiven Wirtschaftshilfen wurden die Auswirkungen der Pandemie vorerst gemildert. Die Corona-Hilfsmaßnahmen ließen jedoch das Budgetdefizit auf 9,2 % des BIP steigen. Insbesondere der starke Einsatz von Kurzarbeit verhinderte einen noch stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit. Eine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt wird sich laut AMS erst 2023 einstellen – 530.000 Arbeitslose stehen rund 50.000 offenen Stellen gegenüber.

Die Österreicherinnen und Österreicher schätzen die Situation durchaus realistisch ein. Rund zwei Drittel der ÖsterreicherInnen rechnen erst 2022 mit deutlicher Erholung der Wirtschaft. Entsprechend vorsichtig agieren sie bei privaten Anschaffungen.

Die Konsumausgaben wurden im Vorjahr deutlich reduziert, gleichzeitig stieg die Sparquote von 8,2 auf 13,7 %. Doris Ritzberger-Grünwald, Direktorin der Hauptabteilung Volkswirtschaft in der OeNB, wertet die Hälfte dieses Anstiegs als »Zwangssparen«, da KonsumentInnen wegen geschlossener Geschäfte und eingeschränkter Reisemöglichkeiten ihr Geld kaum ausgeben konnten. 2021 rechnet sie trotz stagnierender Realeinkommen mit einem Konsumwachstum von 3,9 %.

Bild oben: Gerald Vlk, Deloitte: »Der Umstieg auf strukturierte Formate wäre ein wesentlicher Schritt in Richtung Digitalisierung.«

 

Was geht

Nicht alle Unternehmen werden die Krise überleben. Das breitgefächerte Corona-Hilfsprogramm – Härtefallfonds, Umsatzersatz, Fixkostenzuschuss, Kurzarbeitsgeld, dazu Haftungsübernahmen in Milliardenhöhe – rettete vorerst viele gesunde Betriebe, die unverschuldet in Not geraten waren. Die Förderungen hielten jedoch auch einige Unternehmen, die bereits vor der Krise mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, künstlich am Leben.

»Im Schnitt der vergangenen Jahre werden pro Woche in Österreich rund 100 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Aktuell liegen wir um rund 40 % darunter – weil etwa mit den Gesundheitskassen und der Finanz die größten Antragsteller im Moment keine Insolvenzen beantragen«, sagt Karl-Heinz Götze, Leiter Insolvenz bei KSV1870.

»Das kann sich mittel- und langfristig zu einem massiven Problem für die gesamte Wirtschaft entwickeln.« Ab April 2021 erwarten die Gläubigerschutzverbände deshalb einen starken Anstieg der Firmenpleiten, zumal dann die gestundeten Steuern und Sozialversicherungsbeiträge fällig werden.

Ein Großteil der heimischen Betriebe ist unmittelbar von der Pandemie betroffen.Trotzdem herrscht vielerorts Optimismus, wie der Austrian Business Check des KSV1870 belegt. Drei Viertel der 600 befragten Betriebe gehen mit einer positiven Erwartungshaltung ins neue Jahr, obgleich mehr als die Hälfte mit einer Entspannung ihrer wirtschaftlichen Situation frühestens im Herbst 2021 rechnet.

Zu den größten Sorgen der Unternehmer zählen die permanente Unsicherheit, die Gefahr einer Covid-Infektion der MitarbeiterInnen sowie die Ungewissheit, wie es nach der Pandemie aus wirtschaftlicher Sicht weitergeht.

»Damit wir uns auf die nachhaltige Stärkung der heimischen Wirtschaft konzentrieren können, wird es notwendig sein, den Krisenaktionismus hinter uns zu lassen und stattdessen zu einer wettbewerbsorientierten Volkswirtschaft zurückzukehren«, erklärt Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG.

Steuerentlastungen, insbesondere bei der Lohnsteuer, stehen auf der Wunschliste der ArbeitgeberInnen ganz oben.

Was fehlt

Während Corona unser Leben massiv einbremste, bekam der digitale Wandel einen längst fälligen Schub. »Die Coronakrise war für viele mittelständische Unternehmen wie ein Augenöffner. Sie hat gezeigt, dass Unternehmen, die bereits vor Covid-19 in ihre Digitalisierung investiert hatten, weitaus besser durch den Lockdown navigiert sind«, erklärt Stephan Biallas, Leiter der EY-Mittelstandsberatung für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Bild oben: Ricardo-José Vybiral, KSV1870: »Den Krisenaktionismus hinter uns lassen und zu einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft zurückkehren.«

 

Der Digitalisierungs-Boost fiel jedoch schwächer aus, als ExpertInnen erwartet hatten, und umfasste oft nur Teilbereiche. So nahmen Unternehmen, die dem digitalen Wandel bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatten, unter dem Druck, handlungsfähig zu bleiben, nur einzelne wichtige Umstellungen vor. Umfassende Transformationsprozesse schob man angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Lage einmal mehr auf.

Das Ergebnis ist digitales Stückwerk, das Effizienz, Transparenz und Sicherheit missen lässt. Bitkom-Präsident Achim Berg befürchtet, dass gerade jene Unternehmen, die Digitalisierung am nötigsten hätten, ihre Inves­titionen aus finanziellen Gründen zurückfahren müssen: »Es besteht die Gefahr, dass der Digitalisierungsschub durch Corona zu einer noch tieferen Spaltung in der Wirtschaft führt: in Unternehmen, die weitgehend im Analogen verharren, und in Unternehmen, die bei der Digitalisierung mit Tempo vorangehen.«

Selbst das Thema Remote Working wurde oft halbherzig und nicht auf eine dauerhafte Lösung ausgerichtet. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel des Rechnungswesens: Lediglich 21 % der Unternehmen gaben in einer Erhebung an, dass

Covid-19 die Digitalisierung in diesem Bereich sehr umfassend angekurbelt hat. In fast jedem fünften Betrieb mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ersten Lockdown zumindest tageweise ins Büro kommen. »Immerhin bei einem Drittel der Unternehmen konnte das Rechnungswesen zur Gänze aus dem Homeoffice betrieben werden. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen«, sieht Gerald Vlk, Partner bei Deloitte Österreich, dennoch Fortschritte.

Fast drei Viertel der Rechnungen werden inzwischen digital verschickt, zwei Drittel davon aber nach wie vor als simple PDF-Datei. Diese sind jedoch unstrukturierte Rechnungsformate, die ohne weitere manuelle Zwischenschritte nicht weiterverarbeitet werden können. »Automatisiert einlesbare Rechnungsformate spielen in österreichischen Unternehmen leider weiterhin nur eine untergeordnete Rolle. Der Umstieg auf strukturierte Formate wäre ein wesentlicher Schritt in Richtung Digitalisierung, denn nur damit können Prozesse wirklich sinnvoll automatisiert werden«, betont Vlk.

Was wichtig ist

Fast in Vergessenheit geriet jenes Thema, das eigentlich das Weltgeschehen 2020 dominieren hätte sollen  – der Klimawandel. Die Erderwärmung, die fortschreitende Umweltzerstörung und der ungezügelte Verbrauch fossiler Ressourcen könnten schon bald wesentlich mehr Menschenleben und Geld kos­ten als die Folgen der Pandemie. Die ersten Auswirkungen sind längst spürbar.

Soll von Corona mehr bleiben, als ein »Wimpernschlag der Geschichte«, wie es Klaus-Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, formulierte, sollte die Gunst der Stunde genützt werden, um doch noch die Weichen in Richtung einer nachhaltigen, solidarischen Gesellschaft zu stellen.


Glossar

5 Themen, die 2021 prägen

2020 stellte in jeder Hinsicht eine Zäsur dar. Wirtschaft und Gesellschaft sind noch weit von der früheren Normalität entfernt. Statt sobald wie möglich wieder zur Tagesordnung überzugehen, sollten auch Unternehmen das »Jahr der Entscheidungen«, wie es Zukunftsforscher Matthias Horx postuliert, zu einer Neubewertung ihrer betrieblichen Aktivitäten nutzen: Wofür stehen wir? Was bringt uns voran? Welchen Weg wollen wir gehen?

1. Flexiblität: Die Coronakrise hat gezeigt, wie schnell komplexe Gefüge weltweit lahmgelegt werden können. Unternehmen, die flexible Strukturen etablieren, können ihr Kerngeschäft leichter aufrecht erhalten und rascher auf neue Kundenbedürfnisse reagieren. Agile Modelle und digitale Tools unterstützen diese Wendigkeit.

2. Vertrauen: Gerade in Krisenzeiten sollten sich Unternehmen von einer glaubwürdigen und empathischen Seite zeigen. Insbesondere gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gilt es, die menschliche Komponente nicht aus den Augen zu verlieren. Die Pandemie belastet ArbeitnehmerInnen nicht nur durch das geänderte Arbeitsumfeld, auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird erneut auf die Probe gestellt.

3. Sicherheit: Unsicherheit und Unplanbarkeit werden uns noch länger begleiten. Umso wichtiger ist ein vorausschauendes Risikomanagement, das rechtzeitig Gefahrenfaktoren identifiziert und im Krisenfall straffe Aktionspläne vorsieht. Datenschutz ist Voraussetzung für eine vertrauensvolle Kundenbeziehung. Schutz gegen Cyberangriffe hat auch im Homeoffice höchste Priorität.

4. Innovation: Die Beziehung zu Kunden ist keine Einbahnstraße. Corona hat die Nutzung digitaler Kommunikationswege und Kontaktpunkte zusätzlich forciert. Ein gelungener, authentischer Social-Media-Auftritt stärkt die Marke und ermöglicht den direkten, unkomplizierten Austausch. Produkte, die durch diese Anregungen entstehen, fördern die Bindung zwischen Unternehmen und KundInnen enorm.

5. Kooperation: Die aktuelle Situation macht Kooperationen und Allianzen mit neuen Partnern in und außerhalb der Branche erforderlich. Sie bringen zusätzliche Perspektiven ein und ermöglichen die gemeinsame Nutzung von Ressourcen. Von der verstärkten Zusammenarbeit profitieren KundInnen und auch die Unternehmen selbst. Innovative Entwicklungen treibt der Austausch mit Forschungseinrichtungen rascher voran.

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