„Wir geben dem Strom ein Gesicht“ Featured

„Energiegemeinschaften werden das System entlasten“, sagen Daniel Döller, Lorena Skiljan und Peter Gönitzer von nobilegroup. „Energiegemeinschaften werden das System entlasten“, sagen Daniel Döller, Lorena Skiljan und Peter Gönitzer von nobilegroup.

Ein Trio aus der Energiebranche hat sich aufgemacht, die Wirtschaft in Gemeinden zu beleben und den Menschen mehr Selbstbestimmung zu geben.

Aller guten Dinge sind drei: Daten, Konnektivität und Digitalisierung sind die Zutaten für ein neues Energiesystem. Das vor einem Dreivierteljahr gegründete Unternehmen Nobilegroup beschäftigt sich mit den Energiemodellen der Zukunft. Die Gründer sind Kenner der Materie: Peter Gönitzer – war Geschäftsführer bei Wien Energie und Finanzleiter der Wiener Stadtwerke. Lorena Skiljan berät die EU-Kommission zu dezentralen Energiesystemen und gründete Blockchain Austria. Daniel Döller hat Energieservices und Digital Banking bei der Österreichischen Post verantwortet.

Trotz Karrieren in großen Organisationen hat die drei ihr Unternehmergeist bewogen, ihre Ideen auf eigene Beine zu stellen. Gönitzer, Skiljan und Döller helfen mit Beratung und der Entwicklung von lokalen Energiegemeinschaften. „Gemeinsam mit den KonsumentInnen und Gemeinden beschreiten wir den Weg in die Energiezukunft“, ist Peter Gönitzer von künftigen dezentralen, demokratischen Energiesystemen überzeugt. Denn trotz der Wasserkraft habe Österreich auch bei den Erneuerbaren noch viel zu leisten. Betrachtet man den starken Zuwachs der fossilen Energien im Energiemix vor allem im thermischen Bereich, ist man sogar Klimasünder.

Der Zeitpunkt für Veränderungen sei „jetzt genau richtig“, ortet der Marktexperte. Er weist auf die Politik, mit dem „Green Deal“ der EU und dem Ziel Österreichs, Klimaneutralität bis 2040 und 100 % Ökostrom bis 2030 zu erreichen. Und er sieht einen breiten Wunsch nach Dezentralisierung und Selbstbestimmung bei den Menschen. Für das Erreichen Klimaziele müsste bereits ab heute jede dritte Minute eine Photovoltaik-Anlage errichtet werden. „Wir haben in Österreich schon topografisch nicht die Möglichkeit für Riesenkraftwerke. Das wird eher kleinteilig funktionieren, in der Vernetzung der Dinge.“

Umbau einer ganzen Welt
Prozesse in der Erzeugung und Verteilung von Energie laufen traditionell zentral gesteuert, kommandoorientiert ab. Ein Marktmodell vieler kleiner Einheiten benötigt im Vergleich wesentlich mehr Daten im Austausch. Innovative Unternehmen sind schlagkräftiger als die bekannten Namen in der Branche aufgestellt. „Die Großen haben eine lange Geschichte in dem zentralen Marktsystem. Es gibt dort viel Know-How und auch eine große Bereitschaft für Veränderungen“, so Gönitzer. „Diese geschehen aber nicht schnell genug.“

„Ein Energiesystem wird erst dann effizient, wenn Strom dort verbraucht wird, wo er produziert wird“, erklärt Lorena Skiljan. In der neuen Energiewelt der lokalen Erzeuger würden allerdings auch Besitzverhältnisse und Versorgungsketten völlig neu aufgestellt werden. Wer entscheidet über Lieferungen, Bezug und etwa auch Speicherungen? Es müssen für Konsumenten einfach zu verstehende Lösungen sein, ist sie überzeugt. „Das funktioniert nur mit einem hohen Grad an Automatisierung und Intelligenz im System – nicht nur bei der PV-Anlage zuhause und vielleicht dem Laden eines Elektrofahrzeuges, sondern auch bei der Versorgung der Schule im Ort oder eines produzierenden Betriebes.“

Die Experten arbeiten daran, dass Angebot und Nachfrage bald „demokratischer“ verhandelt werden, als dies heute der Fall ist – nach Regeln, die nicht ein Einzelner vorgibt, sondern die den Vorstellungen einer Community entsprechen. Das betrifft ebenso Abrechnungsmodelle, die vielleicht einmal auch in einer anderen Währung passieren: mit Semmeln vom Bäcker, der Milch aus der örtlichen Landwirtschaft oder einer Dienstleistung in der Gemeinde. Solche Tauschmodelle würden gezielt die lokale Wirtschaft fördern. Ein Plus an Eigenerzeugung von Strom, Wärme oder Kälte würde Gemeinden neue Wertschöpfung bringen.

Umsetzung im nächsten Jahr?
Erneuerbare Energiegemeinschaften sollen 2021 in Österreich rechtlich möglich werden. Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz werden die Vorgaben des „Green Energy Package“ in Österreich auf den Boden gebracht. BürgerInnen ebenso wie Gemeinden können dabei selbst zu Energieversorgern werden. Die Details werden aktuell noch auf politischer Ebene verhandelt. Freilich sind „Incentives“ für Bevölkerung und Investoren zu erwarten, um den Weg für die Energiemodelle zu ebnen. „Im EAG könnten Netzgebühren reduziert werden, wenn lokale Energie gespeichert und dadurch das Netz entlastet wird“, meint auch Nobilegroup-Gründer Daniel Döller.

Innovative Unternehmen arbeiten nun an Plattformlösungen, um auf lokaler Ebene – etwa bei einer Gemeinde in Österreich – Energieströme zu balancieren und die Abrechnung zwischen Erzeugern und Verbrauchern sicherzustellen. Es ist Neuland für alle. Noch fehlt die dringend erwartete Umsetzung des EU-Pakets in nationales Recht. Komponenten wie Batteriespeicher sind noch teuer, werden seit kurzem aber auch gefördert. Es fehlt weiters an Erfahrung, Haushalte und Gewerbe auf lokaler Ebene zusammenzuschalten. Eines aber steht für die Experten fest: „Gerade die Verteilnetzbetreiber werden als Teil der lokalen Energiegemeinschaften eine starke Rolle spielen.“ Und durch das lokale Schalten von Energieströmen würden Leitungen überregional entlastet.

Frage des Geldes
Das Trio berät unterschiedliche Player bei der Entwicklung der neuen Energiewelt. Ist beispielsweise eine PV-Erzeugungsanlage optimal dimensioniert, können Betriebe bis zu 70 % des Eigenverbrauchs abdecken. Im Ortsverbund mit Haushalten, die unterm Tag weniger Energie benötigen, ist weit mehr als diese Summe drin. Energie war bislang ein Produkt ohne Mascherl. Wenn ein Nachbar mitproduziert, erhalten der bezogene Strom oder Wärme ein Gesicht.

Stellt sich noch die Frage der Investitionskosten für eine Kommune. Man erwartet nicht, dass sich Gemeinden in finanzielle Abenteuer stürzen. Peter Gönitzer sieht PV-Anlagen aber bereits als attraktives, nachhaltiges Asset am Kapitalmarkt. Steht eine Anlage einmal, ist sie ein solides Werkzeug für Renditen. „Die Gemeinden werden dann nicht die Eigentümer, sondern die Nutznießer sein.“

Last modified onMontag, 04 Mai 2020 09:12
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