Grenzenlos reisen

Grenzenlos reisen

In einer Zeit, die von Reisebeschränkungen und Ansteckungsgefahr belastet ist, wächst die Sehnsucht nach virtuellen Zufluchtsorten. Augmented und Virtual Reality bieten im Tourismus auch für die Zukunft interessante Optionen, wenn echtes Reisen wieder möglich ist.

Virtual und Augmented Reality könnten unsere Konsumgewohnheiten völlig verändern. Für den Tourismus bieten sich schon jetzt neue Perspektiven – eine Entwicklung, die durch die eingeschränkten Reisemöglichkeiten während der Pandemie beschleunigt wurde. Corona hat im Vorjahr die Reiseträume vieler Menschen zunichte gemacht, das Fernweh und die Entdeckungslust aber keineswegs vermindert. Im Gegenteil: Digitale Technologien machen bereits eine Weltreise im Wohnzimmer möglich. Virtual und Augmented Reality schaffen ein immersives Erlebnis, das einen ersten Eindruck vom Urlaubsziel gibt und Neugier auf unbekannte Destinationen weckt.

Immersive Technologien erreichen reisefreudige Interessenten auf emotionaler Ebene, indem sie mehrere menschliche Sinne ansprechen – Sehen, Hören und sogar Fühlen, wenn beim Einsatz spezieller Handschuhe über Schwingungen ein haptisches Feedback erzeugen wird. So können KundInnen den Sand bereits im Reisebüro virtuell durch die Finger rieseln lassen, mit Haien tauchen, auf Safari gehen oder im Disneyland Achterbahn fahren. Oder etwas profaner: Wenn die Wahl zwischen mehreren Produkten (z.B. Hotelzimmer oder Kreuzfahrtkabinen mit unterschiedlicher Ausstattung oder Aussicht) schwer fällt, kann der Blick durch die VR-Brille die Entscheidung erleichtern.

Kunden binden

In einer 2018 durchgeführten Bitkom-Studie wünschten sich 78 % der Befragten bei der Beratung im Reisebüro digitale Geräte als Unterstützung und immerhin schon rund die Hälfte zeigte sich an einem virtuellen Erlebnis mit VR-Brille interessiert. 2016 hatte der Reiseveranstalter Thomas Cook 880 Reisebüros mit Datenbrillen ausgerüstet, um KundInnen mit 360-Grad-Ansichten einen besseren Einblick in Hotels oder Urlaubsdestinationen zu ermöglichen, als jedes noch so perfekte Katalogfoto es vermag.

Bild oben: Petra Stolba, Österreich Werbung: »Das Feedback der User und die mediale Verbreitung unserer Videos zeigen uns, dass diese Art der Urlaubswerbung die Zukunft ist.«

Wer noch niemals in New York war, konnte diesen Traum gleich im Reisebüro verwirklichen und in einem Taxi den Times Square entlangfahren oder mit dem Hubschrauber über Manhattan fliegen. Möglicherweise war das Unternehmen der Zeit voraus – Ende 2019 schlitterte es in die Insolvenz. Heute dürfte die Akzeptanz virtueller Technologien schon merklich größer sein. Augmented & Virtual Reality haben nicht zuletzt durch das breite Angebot auf dem Game-Sektor an Popularität gewonnen.

Auch wenn das Erlebnis kein Ersatz für das physische Kennenlernen von Land und Leuten sein kann, sieht der Softwareentwickler Maximilian Noelle, Geschäftsführer der WeAre GmbH, viel Potenzial: »In der Reisebranche kann Virtual Reality enorme Vorteile im Buchungsprozess bringen, um z.B. vor einer Buchung einen besseren Eindruck von Hotelzimmern oder Ferienanlagen zu bekommen. Der Kunde hat von der ersten Sekunde an eine stärkere Bindung zur jeweiligen Reise.«

Appetithäppchen

Am Londoner Bahnhof King's Cross, einem der größten Verkehrsknotenpunkte der Metropole, sorgte die Österreich Werbung (ÖW) mit einer ungewöhnlichen Aktion für Aufsehen. Eine virtuelle Projektion verwandelte den Bahnhof in ein Winterwunderland. PassantInnen staunten sichtlich über schwebende Schneeflocken, Snowboarder auf einer Skipiste und eine gemütliche Hütte hinter dem »Magic Mirror«.

Um die Alpenrepublik digital erlebbar zu machen, betreibt die Österreich Werbung seit 2016 einen eigenen YouTube-Kanal, auf dem bisher 19 verschiedene 360-Grad-Videos – vom Almabtrieb im Montafon bis zur Bootsfahrt auf dem Altausseer See – abrufbar sind. »Das direkte Feedback der User sowie die mediale Verbreitung unserer Videos zeigen uns, dass diese Art der Urlaubswerbung die Zukunft ist«, richtet ÖW-Geschäftsführerin Petra Stolba den Fokus schon auf die Zeit nach der Pandemie: »Die heimische Tourismusbranche geht durch eine dramatische Krise. Umso wichtiger ist es, dass wir bei unseren Gästen als Urlaubsdestination in Erinnerung bleiben, um nach der Krise wieder voll durchstarten zu können.«

Bid oben: Gernot Singer, Business Angel: »Artivive macht ein technisch komplexes Thema für Kunstschaffende und -interessierte zugänglich.«

Auch Österreichs Kulturinstitutionen trachten danach, präsent zu bleiben. Das Wiener Kreativstudio Junge Römer gestaltete zum 150. Jubiläum der Wiener Staatsoper den 360°-VR-Rundgang »Beyond the Scenes«, der an faszinierende Orte im Inneren führt, zu denen BesucherInnen sonst keinen Zutritt haben. Sie werden mit dem riesigen Lastenaufzug virtuell auf die Bühne gehoben, begleiten Künstlerinnen und Künstler und wagen einen Blick vom Dach des berühmten Hauses am Ring – ganz ohne Kitsch und Klischees. Kein Ersatz für echte Kulturveranstaltungen, aber in der corona-bedingten Askese durchaus Balsam für die Seele.

Für die Ausstellung »Gipfelstürmen« im Schloss Trautenfels entwarf das auf immersive Technologien spezialisierte Unternehmen NEED eine Virtual-Reality-Expedition auf den Gipfel des Mount Everest. BesucherInnen können mittels VR-Brille die Strapazen der Bergsteiger hautnah miterleben und spektakuläre Bilder vom höchsten Punkt der Erde genießen.

Das digitale Museum

Während Virtual Reality die Wirklichkeit ausblendet und den Nutzer komplett in die virtuelle Welt eintauchen lässt, eignet sich Augmented Reality perfekt für das Erlebnis vor Ort. In eine Datenbrille oder auf das Smartphone werden zusätzliche Informationen bereitgestellt. Das beginnt schon beim Flug – mehrere Airlines wie American Airlines oder KLM zeigen Passagieren mittels einer AR-App den Weg durch den Flughafen oder können überprüfen, ob ihr Handgepäck den erlaubten Dimensionen entspricht. Interaktive Funktionen ersetzen unterwegs den Reiseführer und spielen in Echtzeit die passenden Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Routen oder andere praktische Tipps aus.

Viele Museen und Sehenswürdigkeiten stellen bereits AR-Brillen zur Verfügung oder bieten via App zusätzliche Attraktionen. Seit 2017 bereichert das Startup Artivive mit seinem innovativen AR-Tool Ausstellungen in der Albertina, im Belvedere oder im Shanghai Himalaya Museum. Das Unternehmen wurde von Sergiu Ardelean und Codin Popescu in Wien gegründet, um analoge und digitale Kunst zu verbinden.

Um die digitale Erweiterung der Kunstwerke erleben zu können, müssen die BesucherInnen lediglich über die Artivive-App am Smartphone oder Tablet die Zusatzinformationen abrufen. Zu entdecken gibt es beispielsweise auch verborgene Details oder Röntgen-, Infrarot- und Makroaufnahmen, die während Restaurierungsarbeiten aufgenommen wurden. Gemälde erscheinen nicht nur als zweidimensionale Werke, sondern werden »zum Leben erweckt«.

Business Angel Gernot Singer, der seit kurzem das Startup mit Co-Investor Zaid Al-Aifari mit einem sechsstelligen Betrag unterstützt, sieht international viel Potenzial: »Artivive ermöglicht es, ein technisch komplexes Thema sowohl für Kunstschaffende, als auch -interessierte einfach zugänglich zu machen. Die starke Nutzung durch etablierte Kunstschaffende und die hohe Akzeptanz bei renommierten Kunstinstitutionen beweisen dies eindrucksvoll.«

Ein Marktplatz soll künftig Zugang zu mehr als 100.000 Augmented-Reality-Kunstwerken sowie kreativen Dienstleistern bieten. Institutionen, Unternehmen und Privatpersonen können unkompliziert mit Kunstschaffenden in Kontakt treten und Projekte in Auftrag geben.

Reale Vergangenheit

Nicht unerheblicher Nebeneffekt: Museen – zu Unrecht noch manchmal als altmodisch und verstaubt abgestempelt – werden zu lebendigen Orten, die nicht nur Kinder und Jugendliche begeistern, etwa wenn sich Dinosaurier plötzlich durch den Raum bewegen. Und wer würde nicht gerne die Mondlandung miterleben und neben Neil Armstrong den berühmten ersten Schritt machen?

Geschichte wird greifbarer. Das trifft umso mehr zu, wenn archäologische Stätten und gefährdete Naturreservate, die aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden dürfen, über virtuelle Technologien zugänglich gemacht werden. Für Menschen, die krankheits- oder altersbedingt nicht selbst verreisen, sind sie eine willkommene Alternative.

Ob sich die virtuelle Präsenz auch in stärkerer Buchungsfrequenz niederschlägt, wurde noch nicht erhoben. So kurzweilig die VR-Erlebnisse sind, als Ersatz für eine Reise oder den Besuch eines Museums taugen sie keinesfalls. Ganz nach dem Geschmack der Reiseveranstalter machen die virtuellen Häppchen aber Appetit auf mehr. Und mit dem im Vorjahr ersparten Urlaubsgeld könnte die Urlaubsreise 2021 etwas größer ausfallen – falls Corona es heuer zulässt. 

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