Nischengeschäfte

Robert lasshofer, wr. städtische,  fordert ''finanzielle Anreize zur Pflegevorsorge''.Mit innovativen Produkten versuchen Versicherungsgesellschaften das Rad immer wieder neu zu erfinden. Mit Pflegevorsorge, Krankenversicherungen für Tiere, Reparaturkostenversicherungen oder Kontovorsorge sollen neue Kunden gewonnen werden. Aber wie erfolgreich sind solche Nischenprodukte?

 

Von Angela Heissenberger

Bei Schäden, die der Österreicher liebste Hausgenossen anrichten, winken Versicherungen meist ab. Das zerkratzte Ledersofa oder der verunreinigte Perserteppich sind durch eine herkömmliche Haushaltsversicherung nicht gedeckt. So richtig teuer kann es aber werden, wenn Fiffi und Minka  krank sind. Jedes dritte Tier erkrankt einmal pro Jahr schwer. Langwierige Erkrankungen oder Operationen schlagen sich schnell mit mehreren hundert Euro zu Buche. Damit die Tierarztrechnungen nicht astronomische Höhen erreichen, kann das geliebte Haustier versichert werden.

Vorreiter war die Allianz Versicherung, die mit dem »Petplan« zwei Varianten einer Haustier-Vorsorge entwickelt hat – wahlweise nur als Unfallschutz oder in Kombination mit einer Krankenversicherung, die auf Wunsch auch Operationen einschließt. Mit »PetCare« zog schließlich auch die Helvetia Versicherung in den Markt ein und bietet nun drei Tarifvarianten mit unterschiedlichem Leistungsumfang wie etwa Impfungen, Zahnprophylaxe oder stationären Behandlungen an. Muss das Frauerl oder Herrl einmal selbst ins Krankenhaus, werden im Komforttarif sogar die Unterbringungskosten für das Tier übernommen. Ab monatlich 8,90 Euro (einheitliche Prämie für alle Rassen) ist man dabei.

Tier und Auto

Mit Angeboten wie diesen schließt die Versicherungsbranche winzige Lücken in der Produktpalette. Zwar leben in Österreichs Haushalten rund 1,5 Millionen Katzen und 580.000 Hunde, die Zahl der Interessenten ist aber noch überschaubar. »Wenn Sie verantwortungsvoll über die Anschaffung eines Tieres nachdenken, sollte gleich eine Kranken- und Unfallversicherung dazukommen«, empfiehlt Robert Svoboda, Kundengruppenmanager der Allianz Versicherung. ­Österreichs Tierbesitzer geben europaweit am meisten für ihre Lieblinge aus, also durchaus eine Zielgruppe mit Potenzial. In ­Skandinavien und England sind bereits knapp die Hälfte der Hunde und Katzen versichert.

Nicht nur für Tier-, auch für Autobesitzer gibt demnächst ein neues Produkt. Ab Februar 2011 bietet die Generali Versicherung – Marktführer bei Kfz-Versicherungen – eine Reparaturkosten-Versicherung an, mit der erstmals technische Gebrechen bis zu 2.000 Euro pro Jahr abgegolten werden. Rund 90 Prozent aller Neuwagen sind mit einer zweijährigen Gewährleistungsgarantie ausgestattet, danach kann ein Schaden den Besitzer teuer zu stehen kommen. Die »Tip&Tat Reparaturkosten-Versicherung« übernimmt auch alle erforderlichen Hilfestellungen wie Abschleppen in eine Werkstatt, Bestellung eines Ersatzfahrzeugs und Übernahme der Übernachtungskosten. Je nach Höhe des vereinbarten Selbstbehalts beläuft sich die monatliche Prämie für das Kasko-Zusatzprodukt auf sieben bis elf Euro. Versichert werden können alle privat genutzten Fahrzeuge mit einem Alter von bis zu sechs Jahren, der Schutz ist bis acht Jahre oder einer Laufleistung von 120.000 km möglich. Generali-Sachsparten-Vorstand Walter Kupec rechnet mit mindestens 30.000 Verträgen im ersten Jahr.

Rekordgewinne

Nicht dass die Branche das Lückenstopfen unbedingt nötig hätte: Das Geschäft läuft blendend. Die heimische Versicherungswirtschaft erreichte in den ersten neun Monaten 2010 mit einem Gewinn vor Steuern in Höhe von 861 Millionen Euro beinahe den Rekordwert des Jahres 2007, also des Jahres vor der Finanzkrise. Das Quartalsergebnis entspricht einem satten Plus von mehr als 80 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Einerseits stiegen die Einnahmen aus den Prämien von Jänner bis Ende September 2010 um 2,8 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken die Zahlungen für Versicherungsfälle sowie die Rückstellungen für noch nicht abgewickelte Fälle um 5,9 Prozent auf 8,6 Milliarden ­Euro.
Der große Zuwachs geht vor allem auf den Boom bei fondsgebundenen Lebensversicherungen zurück. Dieses Segment konnte gegenüber dem Vorjahr um 27,8 Prozent zulegen. Dabei führt die private Altersvorsorge in Österreich noch ein Schattendasein. Zuletzt geriet die staatlich geförderte „Zukunftsvorsorge“ in Misskredit. Einige Versicherungsgesellschaften hatten aufgrund der negativen Aktienkurse die Verträge ihrer Kunden »ausgestoppt«. Das Geld wurde nicht mehr in Aktien, sondern nur in risikolosen Wertpapieren mit geringer Rendite veranlagt – die Kunden konnten am einsetzenden Börsenaufschwung nicht partizipieren. Bis zu 400.000 der 1,5 Millionen Verträge sind laut Schätzung von Rudolf Mittendorfer, Obmann der Wiener Versicherungsmakler, betroffen. Die Kunden wurden meist nicht informiert, eine Musterklage des Vereins für Konsumenteninformation ist anhängig.

franz meingast, wüstenrot: ''Man denkt nicht an den Tod, dieses Thema wird verdrängt.''Demografischer Wandel

Herr und Frau Österreicher denken ohnehin nicht gerne an morgen. Pension, Berufsunfähigkeit, Krankheit – für den eigenen Pflegebedarf mit einer Versicherung vorzusorgen stößt nur auf mäßiges Interesse. In einer im Oktober 2010 veröffentlichten Erhebung der Finanzplattform biallo.at beabsichtigen nur 13,9 Prozent der Befragten, eine Pflegeversicherung abzuschließen. 11,5 Prozent wollen mit einem Bausparvertrag und 15,2 Prozent mit einer Lebensversicherung vorsorgen. Die weitaus größere Mehrheit, nämlich fast 60 Prozent der Umfrageteilnehmer, sieht keine Notwendigkeit zur privaten Vorsorge.
Dabei war zu diesem Zeitpunkt die Diskussion um die geplanten Kürzungen des Pflegegeldes noch heftig am Kochen. So wird im Zuge des Budgetsparpakets seit 1. Jänner 2011 der Zugang zu den Pflegestufen 1 und 2 erschwert. Angehoben wird nur das Pflegegeld der Stufe 6, von 1.242 auf 1.260 Euro. In allen anderen Stufen bleibt die Höhe unverändert, es gibt keine Valorisierung. Pensionisten- und Behindertenverbände kritisieren, dass die Beträge schon jetzt kaum den tatsächlichen Pflegeaufwand abdecken. Dazu kommt ein strukturelles Problem: Rund 80 Prozent der Pflege wird im Familienkreis geleistet, typischerweise unbezahlt, von weiblichen Angehörigen. Durch die Geburtenrückgänge und die höhere Lebenserwartung funktioniert dieser »Generationenvertrag« aber bald nicht mehr. Der Anteil der älteren, potenziell pflegebedürftigen Bevölkerung steigt stetig; es sind aber keine Nachkommen da, oder diese können die Pflege nicht übernehmen.

Noch kaum bewusst

Private Pflegeversicherungen sind dabei durchaus erschwinglich – wenn man rechtzeitig damit beginnt. Wird der Vertrag vor dem 30. Lebensjahr abgeschlossen, fallen monatliche Prämien von fünf bis zehn Euro an. Kosten im Ausmaß »einer Schachtel Zigaretten«, wie Günter Geyer, Generaldirektor der Vienna Insurance Group, gerne betont.

Doch wer denkt in diesem Alter bereits an den Lebensabend? Entsprechend schleppend läuft der Verkauf der Vorsorgeprodukte, öffentliche Debatte hin oder her. Die Uniqa versucht, junge Kunden mit einem besonderen Tarif zu locken. Die Höhe der Pflegerente kann je nach Bedarf und Möglichkeiten selbst bestimmt werden, die Einstiegsprämie erhöht sich bis zum 65. Lebensjahr jährlich um einen fixen Betrag. Für eine monatliche Pflegerente von 1.000 Euro zahlt ein 30-jähriger Mann anfangs pro Jahr rund 258 Euro, mit 65 Jahren schließlich 490 Euro.

Die Wiener Städtische brachte bereits Ende 2004 mit dem Produkt »Extra-Pflege« eine maßgeschneiderte Versicherungslösung auf den Markt, die das gesetzliche Pflegegeld ergänzt – der Anspruch entsteht parallel zur gewährten Pflegeldstufe. Mit rund 24.000 KundInnen ist die Wiener Städtische Marktführer in der Pflegeversicherung. Trotzdem werde der Gedanke ans Alter noch von vielen verdrängt, meint Generaldirektor Robert Lasshofer: »Finanzielle Anreize, ähnlich wie bei der staatlich geförderten Zukunftsvorsorge, wären wünschenswert. Denn die Österreicherinnnen und Österreicher sind sich der Problematik der Pflegefinanzierung zwar teilweise bewusst, leider aber bei weitem noch nicht im erforderlichen Ausmaß.«

Tabuthema Tod

Wüstenrot koppelt ihr Angebot »PflegeSparen« mit einem speziellen Bausparvertrag. Bei einer Mindestlaufzeit von zehn Jahren gibt es neben der attraktiven Grundverzinsung und der Bausparprämie eine zusätzliche Wüstenrot-Prämie von bis zu 1.000 Euro. Eine 24-Stunden-Hotline – in Zusammenarbeit mit europ assistance – informiert KundInnen außerdem kostenlos über Pflegeangebote und Förderungen.

Denkt man schon nicht gerne an den Lebensabend, so ist der Tod erst recht tabu. »Man denkt eben nicht an dieses Thema, man verdrängt es, obwohl jeder weiß: Die Trauerfeier, die Bestattung und die Grabpflege, das alles kostet den Hinterbliebenen eine Menge Geld«, sagt Franz Meingast, Vertriebsvorstand bei Wüstenrot. Um den Angehörigen zumindest finanzielle Sorgen zu ersparen, kann seit kurzem mit der »Bestattungs-Vorsorge« ab 15 Euro monatlich ein Sicherheitspolster geschaffen werden. Je nach Vertrag lassen sich die Kosten für Bestattung und Trauerfeier zur Gänze oder wenigstens teilweise abdecken. Auch die Vermittlung von Entrümpelungsunternehmen und Grabpflege, die Rückführung aus dem Ausland oder Sonderwünsche bezüglich der Bestattungsart sind möglich. Vorstandsdirektor Meingast zeigt sich mit der bisherigen Resonanz zufrieden: »Eben eingeführt, wird diese Vorsorgelösung schon ganz stark nachgefragt.«

Halbe Lösungen

Böse Folgen für die Hinterbliebenen kann es auch geben, wenn sich nach dem Tod des Angehörigen herausstellt, dass sein Bankkonto stark überzogen war. Die »Raiffeisen Kontovorsorge« deckt in diesem Fall ein Minus bis zur Höhe von 5.000 Euro rasch und unbürokratisch ab, unabhängig davon, bei welcher Bank das Konto besteht. Ist beim Ableben des Versicherten kein Saldo offen, wird die Summe an die Hinterbliebenen ausgezahlt. Erlebt der Kunde das Ende der Vertragslaufzeit, erhält er das angesparte Kapital samt Gewinnanteilen. Somit kann das Produkt auch zum Vorsorgesparen verwendet werden.

Nach Ansicht des Vereins für Konsumenteninformation ist diese Vorsorgevariante jedoch völlig unzureichend. »Wenn von einem Tag auf den anderen ein Gehalt wegbricht, sind 5.000 Euro viel zu wenig, um die Familie abzusichern. Dazu wäre eine Ablebensversicherung sowie eine Berufunfähigkeits- oder Unfallversicherung notwendig«, meinen die Konsumentenschützer. »Eine gute Familienvorsorge plant man komplett für alle Bereiche und stückelt sie nicht aus einzelnen Teilen zusammen.« Was tatsächlich abgesichert werden soll, empfiehlt sich von Fall zu Fall zu entscheiden. Denn manchmal sind Nischenprodukte eben nur halbe Lösungen.

Last modified onMittwoch, 09 Februar 2011 14:30

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