Energieperspektive für Gas

Energieperspektive für Gas

Die Energieindustrie steht vor großen Herausforderungen. Was wird die künftige Rolle von Erdgas in der Energieversorgung Europas in den nächsten Jahrzehnten sein? Eindrücke von der Europäischen Gas Konferenz 2016, die vom 19. bis 21. Jänner in Wien stattgefunden hat. Ein Kommentar von Otto Musilek.

Hochrangige Vertreter der europäischen Erdgasindustrie hatten Ende Jänner 2016 bei der jährlich traditionsgemäß in Wien stattfindenden Europäischen Gas Konferenz ihren Auftritt, um über die aktuelle Situation und aktuelle Aktivitäten zu diskutieren. Fundamentale Neuerungen und Überraschungen gegenüber den letzten Jahren waren nicht auszumachen. Auffallend war die starke Präsenz aus der russischen Gasindus­trie. Grundtenor dieser Tagung war, wie kann es bei einer Gaskonferenz anders sein, dass Erdgas weiterhin ein wichtiges Element im europäischen Energiemix sein wird, weil es alle Eigenschaften einer idealen Energiequelle erfüllt – sauber, umweltfreundlich, nachhaltig.
Doch haben sich die Energiemärkte in den letzten Jahren grundsätzlich geändert. Dass in Amerika die Schiefergasförderung an Bedeutung gewonnen hat und Europa seitdem mit billiger amerikanischer Kohle überschwemmt wird, macht die Stromerzeugung aus Gas wirtschaftlich unmöglich, wie der für Downstream zuständige OMV-Vorstand Manfred Leitner ausführte.

Da nützt es auch nichts, wenn im Rahmen der Konferenz Vertreter der Vereinigung der europäischen Energieregulatoren ACER mehr Wettbewerb und mehr Gasquellen für Europa fordern. Seit mehr als 15 Jahren wird daran herumgebastelt, mit bescheidenem Erfolg, aber mit steigendem bürokratischen Aufwand.

Rainer Seele, Generaldirektor OMV und Hauptsponsor der Konferenz, führte aus, dass neue Transitrouten und neue Verkäufer respektive Lieferanten der Schlüssel für eine sichere europäische Gasversorgung seien. Aber die Politik unternehme nach wie vor alles, diese Ziele zu behindern. Die EU-Kommission unterstütze zwar das Prinzip der Diversifikation, aber nur vor dem Hintergrund, um Ersatz für russisches Gas zu finden. Dies sei deshalb unverständlich, weil der Anteil von russischem Gas in Europa nur zirka 25 % beträgt. Seele warnte davor, dass Europa nur wenige Optionen besitze und im Wesentlichen auf norwegische und russische Lieferungen sowie auf LNG (Liquid Natural Gas – verflüssigtes Erdgas) angewiesen ist, weil die europäische Gasproduktion stark zurückgehe. Russland sei seit fast fünf Jahrzehnten ein verlässlicher Partner und habe in dieser Zeit laufend enorme Investitionen getätigt, um die Deckung des Bedarfes von Erdgas immer zu gewährleis­ten.

Ausgelöst durch den politischen Konflikt mit der Ukraine hat Russland Projekte wie North Stream, South Stream, Turkish Stream ins Leben gerufen, die zeigen, dass Russland nach wie vor interessiert ist, die Versorgungssicherheit zu garantieren. Um die Verbraucher mit Gas zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen zu beliefern, benötigen wir zuverlässige Lieferquellen und verlässliche Transportsysteme, wie Viktor Zubkov, Vorsitzender Board of Directors Gazprom, ausführte. Er unterstrich, dass es notwendig sei, zu wissen, welche Rolle Europa mittel- und langfristig dem Erdgas im Energiemix zuteile, um die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur, Exploration und Produktion zu tätigen. Er rief zu einem systematischen Dialog zwischen allen Marktteilnehmern in Europa auf, deren Themen unter anderem die Gewährleistung der Sicherheit von Angebot und Nachfrage, die Zuverlässigkeit der Gastransporte, gemeinsame Investitionen, und die wissenschaftliche Forschung wären. Ohne diesen Dialog könnten durch den Rückgang der Investitionen in den kommenden Jahren ernste Probleme für die europäischen Gasmärkte entstehen, sagte er.

Dazu ist zu sagen, dass dies aber nicht für alle EU-Mitgliedstaaten gilt und sich die Marktanteile Russlands in den Ländern zwischen 0 % etwa in Spanien oder Portugal und 100 % zum Beispiel in Finnland unterschiedlich darstellen. Russland kann auf die Einnahmen aus dem Gasverkauf nicht verzichten und Europa braucht das russische Gas für die Erfüllung der ambitionierten Klimaziele. Es besteht also eine gegenseitige Abhängigkeit – ob wir das gut heißen oder nicht.

Transport im Fokus

Um Europas Gasbedarf zu befriedigen, dürfen wir keine Zeit beim Ausbau der Transportsysteme verlieren sagte Elena Burmistrova, Generaldirektorin Gazprom Export. »Darum haben wir und unsere Partner beschlossen, das North-Stream-Projekt, das zuverlässig Erdgas direkt an die Europäische Union liefert, zu erweitern.« Ein Teil des Gases wird auch weiterhin  nach Baumgarten geliefert werden. »Es gibt keine Notwendigkeit, das Rad neu zu erfinden«, sagte sie. Baumgarten ist der Lieferpunkt für die Gasströme nach Südosteuropa und Italien.

Andere Quellen wie zum Beispiel aus dem Kaspischen Raum und dem Iran für Europa zu erschließen und zu etablieren, bedeutet enorme Investitionen und wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Dabei sind die schwer einschätzbaren wirtschaftlichen Unsicherheiten und das politische Risiko zu berücksichtigen und zu bewerten. Neue Lieferanten und Produzenten sowie neue Transportunternehmen müssen die Sicherheit, Verlässlichkeit und Wirtschaftlichkeit erst langfristig unter Beweis stellen. Wenn die EU-Kommission die Projekte South Stream und North Stream II mit den Argumenten der Nichtübereinstimmung mit der EU-Regulierung ablehnt, dann wird sie die Projekte TANAP (Trans Anatolian Pipeline) und TAP (Trans-Adria-Pipeline) unter gleichen sachlichen Voraussetzungen zu prüfen haben. Unangebrachte Politik sollte bei diesen Entscheidungen keinen Stellenwert haben.

Der Generaldirektor des italienischen Pipelinebetreibers SNAM, Carlo Malacarne, beschreibt das herausfordernde Szenario für die europäische Gasindustrie, das weit über die globalen Wirtschaftswachstumsaussichten hinausgeht. »Dazu gehören der abnehmende Gasbedarf, aufgrund der Unsicherheit in der Gasnachfrage in den Schwellenländern der Europäischen Union, die nationale Umweltpolitik, das wachsende Angebot, die Volatilität, die Wahrnehmung von potenziellen Lieferengpässen und eine erhöhte Abhängigkeit von Import und Wettbewerb, vor allem mit den asiatischen Ländern bei LNG-Lieferungen.« All diese Elemente schränken die europäische Gasindustrie ein, eine stabile und langfristige Perspektive aufrechtzuerhalten. Die Investitionsschwerpunkte in der EU sollten sich darauf konzentrieren, zusätzliche Flexibilität und Diversifizierung der Versorgung sowie  einen Wettbewerb auf dem Gasmarkt mit hoher Effizienz zu erreichen.

Fazit

Die europäische Gaswirtschaft dokumentierte einmal mehr, dass sie einen erheblichen Beitrag für die anstehende sogenannte Energiewende leisten kann und auch willig ist, einen reibungslosen Übergang zu einer effizienten und nachhaltigen kohlenstoffarmen Wirtschaft zu unterstützen. Dazu sind aber klare Aussagen der EU-Vertreter und Regelungen unter dem Gesichtspunkt von Verantwortung und Nachhaltigkeit notwendig.

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