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Facebock

Das Internet bringt uns alle wieder näher zusammen. Nur schade, dass nicht alle die gleiche Freude damit haben. Ein Status-Update von Rainer Sigl.

Ich hab’s eh schon getwittert, aber Ihnen sag ich’s gern noch mal: Ich bin glücklich. Jawohl, ich bin erfüllt von Freude, weil ich einen geliebten Menschen wiedergefunden habe, von dem ich jahrelang nichts gehört hatte. Letzte Woche, als ich gerade auf Facebook in den Fotoalben von Freunden meiner Freunde herumstöberte, war ich plötzlich wie elektrisiert: Da, im Hintergrund, an eine Bar gelehnt, stand sie, die Maier Susi, und nippte an ihrem Cocktail. Sie müssen wissen, dass ich die Maier Susi schon von der Schule her kenne – mein Gott, was war ich verliebt in die Frau! –, aber wie das halt so ist, die Jahre vergehen, man verliert sich aus den Augen … nur hin und wieder, beim sechsten Bier, fällt einem dann mit Wehmut wieder ein, wen man aller schon jahrelang nicht mehr in seinem Leben hat.

Jetzt müssen Sie wissen, dass ich die Maier Susi auch deshalb nicht gefunden habe, weil sie inzwischen geheiratet hat, einen gewissen Müller Fritz – deshalb keine Chance, sie irgendwo zu dergooglen. Ein etwas suspekter Typ, der Fritz, wenn Sie mich fragen, zumindest schaut er auf manchen Fotos von seiner letzten Familienfeier auf Flickr ziemlich besoffen und, im Vertrauen, leicht aufgedunsen aus – kein Vergleich zu den Hochzeitsfotos von vor fünf Jahren. Finanziell dürft’s auch nicht so gut laufen, wenn man seinen Fragen im Arbeiterkammer-Forum zur Schuldnerberatung Glauben schenkt, und seine Amazon-Wunschliste ist ein Bild des Jammers: Ich will ja nichts sagen, aber wer so viele Selbsthilfebücher braucht, hat ein Problem!

Dafür die Susi: ein Bild von einer Frau, wie immer. Die Urlaubsfotos im Bikini, oh lala! Und fast keine Schwangerschaftsstreifen, Respekt, trotz zweier Kinder! Die Geburtstagsparty für den Kleinen letzte Woche, ich hab’s im YouTube-Video von der Handykamera von der Großen gesehen, also singen kann sie aber noch immer nicht, die Susi, was habe ich Tränen gelacht. Ganz schön ambitioniert, so eine Feier mit so vielen Gästen, vor allem, wenn man die finanzielle Situation bedenkt – weil die Susi ja auf Facebook immer so jammert, dass die beim AMS alle keine Ahnung haben, was sie als diplomierte Ethnologin für Jobs machen soll, und wenn der Fritz echt so viel fortgeht – auf der Homepage von der Pilot-Bar sieht man ihn ja fast jeden Tag auf den Party-Fotos, in unterschiedlichen Stadien der Verwüstung … Aber na ja, einen guten Geschmack, was Männer betrifft, hat sie ja noch nie gehabt, die Susi, sonst wär das ja damals nicht so komisch ausgegangen mit uns beiden!

Seit sie jetzt auch das Internet am Handy hat, sind wir uns ja wieder viel näher gekommen, ich sag’s Ihnen, das ist so romantisch! Der Park, wo sie immer mittwochs beim Spazierengehen mit dem Kleinen twittert, wie viele Eichkatzerl da sind – ich sag Ihnen, wie ich ihr da neulich zum Spaß ein, zwei Stunden nachgegangen bin, hinter den Hecken, das war so ein glücklicher Moment – ich hab sie wiedergefunden, die Susi! Morgen geht sie ins Kino, schreibt sie gerade auf Facebook, mit ein bisschen Glück krieg ich da wieder ein Platzerl drei Reihen hinter ihr und kann ihr dabei zuschauen, wie sie mit ihren Freundinnen tratscht. Wenn wir dann so heimgehen nach dem Film, die Susi und ich, also die Susi vorn, ich dreißig Meter weiter hinten, dann ist das fast wieder so wie früher, in der Oberstufe ... ach, die Fotos muss ich mal auf dem Dachboden suchen, alles analog damals, haha, und unscharf auch noch dazu, aber da sind schon denkwürdige Momente festgehalten: die Susi händchenhaltend im Café, mit diesem Trottel von Herbert zwar, aber egal, seinen Kopf hab ich eh mit dem Stanleymesser weggeschnitten, die Susi in der Mädchenumkleide beim Turnsaal, die Susi beim Schlafen in ihrem Bett, aufgenommen vom Zwetschkenbaum aus ihrem Garten … Ich hab ja gar nicht mehr gewusst, wie sehr mir das abgegangen ist – das Herzklopfen, die Aufregung, die – ja, ich geb’s zu – die Verliebtheit!

Ich glaub, morgen sprech ich sie an. Ehrlich. Ich trau mich. Weil in einem Onlineforum hat mir wer gesagt, dass einstweilige Verfügungen nach zehn Jahren sowieso verjährt sind. Was glauben S’, wie ich mich drauf freu – und die Susi, na die wird erst Augen machen!

Last modified onDienstag, 29 Januar 2013 20:01

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