Report: Herr Orisich, die Regierungspläne für den Ausbau der Infrastruktur klingen weiterhin vielversprechend. Denken Sie, dass die Umsetzung dieser Pläne realistisch ist und mit den vorhandenen Kapazitäten der Baustoffindustrie im Inland erledigt werden kann?Peter Orisich: Wir hoffen sehr, dass die Infrastrukturpläne der Regierung in der jetzigen Form tatsächlich umgesetzt werden, wobei die üblichen Fragezeichen bei Finanzierung, Planung- und Genehmigungsverfahren bzw. auch rechtssichere Vergabeverfahren natürlich bleiben. Volkswirtschaftlich betrachtet, ist die Umsetzung, insbesondere der Verkehrsinvestitionen in Ostösterreich, natürlich ein absolutes Muss. Zur Kapazitätsfrage ist zu sagen, dass Zement mittlerweile zum knappen Gut wird; die Industrie beginnt hier sicher, an ihre Grenzen zu stoßen. Gerade deshalb ist es auch wichtig, die nötigen Rahmenbedingungen - Stichwort Emissionshandel - für weiteres Wachstum sicherzustellen.Soeben sind die Würfel für eine deutliche Erhöhung der LKW-Maut gefallen. Zugleich werden heimische Frächter steuerlich entlastet. Werden Zement und Beton teurer?Logischerweise müssen wir Kostenerhöhungen an unsere Kunden weitergeben, zumal die Transportkosten bei Zement einen wesentlichen Bestandteil der Produktkosten ausmachen. Gleichzeitig wäre es jedoch nicht richtig, hier ausschließlich eine monokausale Betrachtungsweise anzuwenden: Wir haben uns in den vergangenen Jahren mit einer Reihe massiver Kostenerhöhungen konfrontiert gesehen, insbesondere auf dem Energiesektor - dieser Trend wird sich wohl auch fortsetzen. Inwieweit alle diese Effekte aufzufangen sind, bestimmt allerdings letztlich der Wettbewerb.Künftig gibt es weniger Mittel für Autobahnen und mehr Geld für die Bahn. Hat Ihre Branche damit ein Problem?Vorrangig ist, dass in Infrastruktur als Voraussetzung für weiteres wirtschaftliches Wachstum investiert wird, da spielt es keine Rolle - von Umweltaspekten einmal abgesehen -, ob dies auf der Schiene oder auf der Straße geschieht. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die großen in Frage stehenden Bahnprojekte - Stichwort Koralmtunnel - auch »zementintensiv« sind.Verkehrsminister Werner Faymann findet die Kosten im Straßenbau zu hoch und möchte beim Bau von Autobahnen zehn Prozent einsparen. Welchen Beitrag kann die Zement- und Betonindustrie dazu leisten?Aus meiner Sicht ist es wesentlich, die Kosten des hochrangigen Straßennetzes über den gesamten Lebenszyklus zu optimieren. Hier haben Zement und Beton bereits in der Vergangenheit einen gewaltigen Beitrag geleistet. Dass sich der Einsatz von Beton als Fahrbahnbelag »rechnet«, lässt sich wohl am einfachsten über das Projekt Nordautobahn A5 beweisen: Ein PPP-Projekt dieser Art muss nach Wirtschaftlichkeitskriterien für Errichter und Betreiber optimiert sein - und hier hat man sich für Beton entschieden.Ein in der Zementindustrie stets präsentes und brisantes Thema stellen der CO2-Ausstoß und dessen Kosten für den Industriezweig dar. Lohnt sich ein Ausbau von Produktionen angesichts der kommenden Rahmenbedingungen im Inland noch oder wird es mittel- und langfristig zu einer Verlagerung der Investitionen kommen?Angesichts der drohenden Kostenbelastung für die Zementindustrie für die zweite Handelsperiode 2008 bis 2012 von rund 100 Millionen Euro ist diese Frage berechtigt. Der springende Punkt dabei ist jedoch, dass durch Produktionsverlagerungen ins Ausland am Ende nichts für das Klima gewonnen wird, eher im Gegenteil, einerseits durch längere Transportwege und andererseits durch möglicherweise weniger energieeffiziente Produktion. Die österreichische Industrie, auch die Zementindustrie, hat aus unserer Sicht ihre Hausaufgaben gemacht und den CO2-Ausstoß so weit wie möglich vom Wachstum abgekoppelt. Es ist nicht akzeptabel, dass wir für klimapolitische Versäumnisse in anderen Bereichen die Zeche zahlen müssen.Sie haben Ende 2006 angekündigt, gegen die Ihrer Ansicht nach ungenügende Zuteilung von CO2-Zertifikaten notfalls den Verfassungsgerichtshof anzurufen. Ist dieses Vorhaben noch aktuell oder findet man sich mit der Zuteilung nun doch ab? Das Thema bleibt natürlich aktuell. Wir werden zum gegebenen Zeitpunkt darüber entscheiden, ob wir versuchen, unsere Position notfalls auch rechtlich durchzusetzen.Die Vereinigung der Zementindustrie, deren Präsident Sie sind, hat sich eben ein neues Erscheinungsbild verpasst. Die Entwicklung innovativer Technologien wird in den Vordergrund gerückt. Sind Ihre Kunden, die Bauindustrie und Baufirmen, innovationsfreundlich genug, um die im Labor entwickelten Spezialprodukte tatsächlich so einzubauen, dass am Ende eine Win-win-Situation herauskommt?Unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtet und anwendungsorientiert. Dadurch wird aus unserer Sicht von vornherein sichergestellt, dass wir nicht am Markt vorbei Innovation betreiben. Die von der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie sehr erfolgreich veranstalteten Expertenforen geben Zeugnis davon. Als Beispiel sei hier die Veranstaltung zum Thema selbstverdichtender Beton erwähnt.Die Zementindustrie hat einige goldene Jahre hinter sich. Hat sich das auch bei den Beschäftigten ausgewirkt oder wurde die Erhöhung des Ausstoßes durch höhere Produktivität bewältigt?Im Vergleich zu 2002 ist unsere Mitarbeiteranzahl bis 2006 um rund vier Prozent auf 1.283 gestiegen. Das heißt, sowohl Beschäftigtenstand als auch Produktivität haben zugenommen. Erfreulich ist auch, dass wir im Jahr 2006 in unseren Werken über 100 Lehrlinge ausgebildet haben.Lafarge hat 2006 zwei Transportbetonwerke gekauft. Sie verfügen damit über erhebliche Kapazitäten im Osten österreichs. Schmerzt es Sie sehr, dass den Beton für die Nordautobahn ein Unterkärntner Betonerzeuger liefern wird?Das ist ein anderes Marktsegment - mobile Mischanlagen -, in dem wir nicht aktiv sind. Daher haben wir uns auch gar nicht an der Ausschreibung beteiligt.Lässt sich aufgrund des milden Winters heute schon eine Prognose für 2007 abgeben? Wenn ja, gibt es Zuwächse im Vergleich zu 2006?Es wird sicher einen Zuwachs im Jahr 2007 geben. Das wäre aus unserer Sicht allerdings auch ohne den milden Winter der Fall. Wir sind zuversichtlich, dass es ein gutes Jahr wird, aber abgerechnet wird zum Schluss. Zur PersonPeter OrisichDer 1959 in Wien geborene Manager war viele Jahre bei Unilever und kam 1998 zu Lafarge-Perlmooser. Seit 2002 ist der WU-Absolvent dort Generaldirektor. Als solcher initiierte er diverse Programme zur Sicherheit am Arbeitsplatz und zur Umweltverträglichkeit und erhöhte die Lehrlingszahlen deutlich. Zudem wurde dem grauen Produkt Zement durch ein neues Markenkonzept Farbe eingehaucht.